Pädagogik

Ein Kind ist kein kleiner Erwachsener

Nach Dr. Maria Montessori durchläuft jedes Kind auf seinem Weg von der Geburt bis hin zum erwachsenen Menschen drei große Entwicklungsstufen, die jeweils durch ganz bestimmte Verhaltensmerkmale bestimmt werden:

1DSC_0807. Entwicklungsstufe (0-6 Jahre)

Diese Entwicklungsstufe ist gekennzeichnet durch einen großen Bewegungsdrang – das Kind lernt zuerst krabbeln und dann laufen. Später fängt es an, seine Sinne zu trainieren: Das Kind möchte mit den Dingen umgehen, sie betasten, sie tragen, sehen, hören, riechen, schmecken und vieles mehr. In diese Phase fangen Kinder auch an, Dinge zu vergleichen, sie zu ordnen und schließlich zu benennen.

2. Entwicklungsstufe (6-12 Jahre)

Das Kind löst sich aus dem engen Kreis der Familie oder dem geschützten Raum des Kindergartens – es möchte die Welt entdecken und sie begreifen. Dem Kind reicht es nicht mehr nach dem „Was“ zu fragen, es die Antwort auf ein „Warum“. Gleichzeitig entwickelt sich ein großes Gerechtigkeitsbewusstsein: „Recht und Unrecht“ sowie „Gut und Böse“ sind zentrale Themen in dieser Entwicklungsstufe. Das Kind bereitet sich so auf das Leben in der Gesellschaft vor.

3. Entwicklungsstufe (12-18 Jahre)

In dieser Entwicklungsstufe entdeckt das Kind/der Jugendliche sein inneres Bewusstsein und durchläuft seine erste große Krise – die Pubertät. Das Kind/der Jugendliche fühlt sich schnell gekränkt, wird unsicher und ist sehr verletzlich. Oft zieht sich das Kind/der Jugendliche zurück, obwohl es/er eigentlich am liebsten Kontakt mit anderen hätte. In dieser schwierigen Zeit lernt das Kind/der Jugendliche sich selbst kennen, sich von anderen abzugrenzen und eigene Standpunkte zu finden. Am Ende dieser Entwicklungsstufe hat der Jugendliche gelernt, wer er selbst ist – die Neugierde auf andere Menschen wächst. Er ist nun bereit, Verantwortung zu übernehmen und wird mit der Übernahme sozialer Aufgaben und Pflichten zum Erwachsenen. Mit seinem produktiv nach außen gerichteten Handeln hat er sich eine Umgebung geschaffen, die seinen Bedürfnissen entspricht.

Der gravierende Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ist, dass die Welt eines Kindes und das Ziel seines Lebens und seines Handelns in seinem Inneren ruht – und nicht in der Außenwelt wie bei einem Erwachsenen. Das bedeutet, dass kein Kind die verkleinerten Merkmale des Erwachsenen in sich trägt – in einem Kind wächst sein eigenes Leben, das seinen Sinn in sich selbst hat.

Die Montessori-Pädagogik nimmt Rücksicht auf die Bedürfnisse des Kindes in seiner jeweiligen Entwicklungsstufe. Diese Entwicklungsstufen verlaufen sehr individuell. Deshalb sprechen wir in der Montessori-Pädagogik davon, dass sich ein Kind mit einem bestimmten Verhalten in dieser oder jeder Stelle der Entwicklung befindet – und nicht davon, dass ein Kind mit 3, 6 oder 10 Jahren an einer bestimmten Stelle der Entwicklung sein muss.

Bauplan der Persönlichkeit

Das Reifen des Menschen im Kinde ist eine andere Art von Schwangerschaft, die länger dauert als die eigentliche Schwangerschaft im Mutterleib. Das Kind trägt selbst den Bauplan seiner Persönlichkeit in sich – es benötigt lediglich Hilfen von den Erwachsenen, um sich frei entwickeln zu können. Das ganze unbewusste Streben des Kindes geht dahin, sich von den Erwachsenen loszulösen und sich selbstständig zu einer freien Persönlichkeit zu entwickeln. Lehrer und Eltern sollten deshalb sich in Bescheidenheit und Geduld üben, wenn sie mit dem Kind in Berührung kommen.

Vorbereitung – das Fundament der Montessori-Pädagogik

Die Vorbereitung der Umgebung und die Vorbereitung des Erziehers oder Lehrers sind das praktische Fundament der Montessori-Pädagogik: Der Erwachsene muss auf seine eigene Aktivität zugunsten des Kindes verzichten, das heißt, er muss sich passiv verhalten, damit das Kind aktiv werden kann. Der Erwachsene muss dem Kind die Freiheit geben, sich äußern zu können. Denn es gibt kein größeres Hindernis für die Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit, als einen Erwachsenen, der mit seiner ganzen überlegenden Kraft dem Kind gegenübersteht.

Kindgerechte Umgebung schaffen

Die Grundlage der Montessori-Pädagogik ist das Nachdenken darüber, wie man dem Kind eine Umgebung schaffen kann, in der sich das Kind frei entwickeln kann – und nicht das Nachdenken darüber, wie man das Kind lehren oder erzieherisch beeinflussen kann.

Das Kind beschreitet den Weg zu seiner Persönlichkeit und wird von Erwachsenen geleitet durch die sensiblen Phasen, in denen das Kind seine Aufmerksamkeit zielgerichtet auf einen bestimmten Bereich richtet. Diese sensiblen Perioden sind wichtig für die Entwicklung, denn in deren Verlauf eignet sich das Kind sehr leicht und ganzheitlich neue Sachverhalte an.

Montessori-Pädagogen: Begleiter in sensiblen Phasen

In der frühen Kindheit werden vor allem sensible Phasen für Bewegung, Sprache und Ordnung beobachtet. Etwa ab dem vierten Lebensjahr beginnen die Kinder zu lesen, zu schreiben und zu rechnen und entwickeln die Fähigkeit zu sozialen Bindungen – es entstehen erste Freundschaften.

Im Alter zwischen sechs und zwölf entwickeln sich das Gewissen und der Sinn für Gerechtigkeit – die Kinder wollen selbst Regeln aufstellen. Gleichzeitig erweitert sich der Aktionsbereich auf das Leben in der Gemeinschaft und in Gruppen.

Die umfassend und speziell ausgebildeten Montessori-Pädagogen lassen das Kind niemals alleine auf seinem Weg zu seiner Persönlichkeit: Sie stehen ausschließlich im Dienste der individuellen Entwicklung des Kindes und bieten Hilfen – sie setzen aber auch Grenzen. Die Pädagogen sehen ihre Aufgabe darin, die Kinder auf Ihrem Weg zu selbstständig denkenden, emotional ausgeglichenen und verantwortlich handelnden Persönlichkeiten zu begleiten.