Montessori-Pädagogik

Ein Kind ist kein kleiner Erwachsener

Der Erwachsene hat sich mit seiner produktiv nach außen gerichteten Arbeit eine Umgebung geschaffen, die seinen Bedürfnissen entspricht. Die Welt des Kindes und das Ziel seines Lebens und seiner Arbeit ruht hingegen in seinem Inneren und nicht in der Außenwelt. Das Kind trägt nicht die verkleinerten Merkmale des Erwachsenen in sich, sondern in ihm wächst sein eigenes Leben, das seinen Sinn in sich selbst hat.

Das Reifen des Menschen im Kinde ist eine andere Art von Schwangerschaft, die länger währt als die Schwangerschaft im Mutterleib. Das Kind trägt selbst den Bauplan seiner Persönlichkeit in sich und benötigt durch den Erwachsenen Hilfen, sich nach diesem frei entwickeln zu können. Lehrer, Mütter und Väter sollten sich in Bescheidenheit und Geduld üben, wenn sie mit dem Kind in Berührung kommen. Das ganze unbewusste Streben des Kindes geht dahin, sich durch die Loslösung vom Erwachsenen und durch Selbständigkeit zur freien Persönlichkeit zu entwickeln.

Die Vorbereitung der Umgebung und die Vorbereitung des Erziehers oder Lehrers sind das praktische Fundament der Montessori-Pädagogik. Der Erwachsene muss auf seine eigene Aktivität zugunsten des Kindes verzichten. Er muss passiv werden, damit das Kind aktiv werden kann. Er muss dem Kind die Freiheit geben, sich äußern zu können; denn es gibt kein größeres Hindernis für die Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit, als einen Erwachsenen, der mit seiner ganzen überlegenden Kraft dem Kind gegenüber steht.

Die Grundlage der Montessori-Pädagogik ist nicht das Nachdenken darüber, wie man das Kind lehren oder erzieherisch beeinflussen kann, sondern wie man ihm eine Umgebung schaffen kann, die seiner Entwicklung förderlich ist, um es dann in dieser Umgebung sich frei entwickeln zu lassen. Geleitet durch sensible Phasen, in denen das Kind seine Aufmerksamkeit zielgerichtet auf ein bestimmtes Interesse richtet, beschreitet es seinen Weg zu seiner Persönlichkeit. Im Verlauf einer solchen sensiblen Periode eignet sich das Kind sehr leicht und ganzheitlich neue Sachverhalte an.

In der frühen Kindheit werden vor allem sensible Phasen für Bewegung, Sprache und Ordnung beobachtet. Ab dem 4. Lebensjahr beginnt das Lesen, Schreiben und Rechnen sowie die Fähigkeit zu sozialen Bindungen, erste Freundschaften entstehen. Zwischen sechs und zwölf Jahren entwickelt sich das Gewissen und der Sinn für Gerechtigkeit, die Kinder wollen selbst Regeln aufstellen. Gleichzeitig erweitert sich der Aktionsbereich auf das Leben in der Gemeinschaft und in Gruppen.

Die Montessori-Pädagogen lassen das Kind niemals alleine auf seinem Weg zu seiner Persönlichkeit. Sie bieten Hilfen, stellen aber auch Grenzen dar und stehen ausschließlich im Dienste der individuellen Entwicklung des Kindes.


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© 2012 Montessori Kronberg – Datum: 19.05.2012